Du sitzt in der AEVO-Prüfung und liest einen Fall: Ein Auszubildender soll eine neue Arbeitstechnik lernen. Die Frage lautet: “Welche Lernphase fehlt hier?” Du überlegst: War das jetzt Reflexion oder schon Experimentieren? Dein Kopf ist leer, die Uhr tickt und du kreuzt irgendetwas an, in der Hoffnung, dass es stimmt.
Ich habe mich mit diesen Fragen intensiv auseinandergesetzt und sehe in der Prüfungsvorbereitung immer wieder dasselbe Muster: Die vier Lernstile von Kolb wirken komplizierter, als sie tatsächlich sind. Egal ob du zum ersten Mal zur AEVO-Prüfung antrittst oder nach Jahren Praxis endlich deinen Ausbilderschein machst: Fallbeispiele zu Lernverhalten und Methodenwahl begegnen dir garantiert.
Viele Prüflinge glauben, sie müssten jeden Auszubildenden einem festen Lernstil zuordnen. Das stimmt nicht. Kolbs Modell beschreibt Vorlieben, keine Schubladen.
In diesem Artikel erfährst du, was die vier Lernstile von Kolb bedeuten und wie sie sich vom Lernzyklus unterscheiden. Ich zeige dir konkrete Beispiele aus unterschiedlichen Ausbildungsberufen. Außerdem bekommst du einen Merksatz, mit dem du in der Prüfung sofort erkennst, ob eine Aufgabe zu Kolb gehört.
Was sind die vier Lernstile von Kolb?
Kolbs Modell gehört zum erfahrungsorientierten Lernen. Lernen entsteht hier nicht durch bloßes Zuhören. Es entsteht durch das Zusammenspiel von Erfahrung, Reflexion, Begriffsbildung und Ausprobieren.
Aus der bevorzugten Kombination dieser vier Phasen leitet Kolb vier Lernstile ab: Divergierer (Entdecker), Assimilierer (Denker), Konvergierer (Entscheider) und Akkomodierer (Praktiker). Diese Begriffe beschreiben, wie jemand bevorzugt mit neuen Erfahrungen umgeht. Sie sind keine festen Persönlichkeitstypen.
Ein Beispiel: Dein Auszubildender im Industriebetrieb untersucht eine fehlerhafte Baugruppe. Er beschreibt seine Beobachtungen, bespricht mit dir mögliche Ursachen und leitet eine Prüfregel ab. Danach testet er die Regel an einem zweiten Bauteil. Genau diesen Ablauf, Erfahrung, Reflexion, Regel, erneute Anwendung, beschreibt Kolbs Modell.
Warum ist das prüfungsrelevant?
Die vier Lernstile tauchen vor allem in Handlungsfeld 3: Ausbildung durchführen auf. Dort geht es um Methodenwahl, Anleitung und Lernerfolgskontrolle. Die AEVO verlangt von dir die Kompetenz, Ausbildung selbstständig zu planen, durchzuführen und zu kontrollieren.
Auch in HF 1 und HF 2 kann das Thema eine Rolle spielen, etwa wenn du Lernvoraussetzungen analysierst oder unterschiedliche Vorerfahrungen deiner Auszubildenden berücksichtigst. In HF 4 geht es dann um die Reflexion der Lernergebnisse. Typisch sind Fallaufgaben, in denen eine Ausbildungssituation beschrieben wird und du die passende Lernphase oder den passenden Lernstil erkennen musst.
Eine offizielle Statistik zur Häufigkeit dieser Fragen gibt es nicht. In der Praxis wird Kolb selten isoliert abgefragt. Meistens steckt das Modell in einem Fallbeispiel zu Methodenwahl oder Förderung.
Beispiele aus der Ausbildungspraxis
Gewerblich-technische Berufe
Stell dir vor: Du bist Ausbilder für Elektroniker. Dein Auszubildender misst zunächst selbst eine Spannung. Anschließend reflektiert ihr gemeinsam, warum der Messwert abweicht. Du erklärst die fachliche Regel zur richtigen Messung und er führt die Messung an einer vergleichbaren Schaltung eigenständig durch.
Bei einem Kfz-Mechatroniker läuft es ähnlich: Er prüft eine Bremsanlage unter Anleitung. Danach wertet ihr die Messwerte aus und ordnet sie den technischen Vorgaben zu. Anschließend plant er eine weitere Prüfung weitgehend selbstständig.
Kaufmännische Berufe
Du bist Ausbilder für Industriekaufleute. Du gibst deinem Auszubildenden einen realistischen Kundenauftrag mit unvollständigen Angaben. Er sammelt Informationen, vergleicht Vorgehensweisen und entwickelt daraus einen eigenen Ablauf. Den zweiten Auftrag bearbeitet er dann nach diesem selbst entwickelten Muster.
Handwerk und Dienstleistung
In der Tischlerei fertigt dein Auszubildender zunächst eine einfache Verbindung an. Ihr prüft gemeinsam Maßhaltigkeit und Oberfläche und besprecht die Fehler. Danach formuliert er eigene Regeln und wendet sie beim nächsten Werkstück an.
Im Hotel simulierst du mit deinem Auszubildenden ein Reklamationsgespräch. Ihr reflektiert seine Gesprächsführung, leitet Regeln für aktives Zuhören ab und übt anschließend eine zweite, anspruchsvollere Situation.
Typische Fehler und Verwechslungen
Der häufigste Fehler: Auszubildende werden dauerhaft einem Lernstil zugeordnet, etwa als “der Praktiker” oder “der visuelle Lerntyp”. Das ist problematisch, weil Lernpräferenzen situationsabhängig sind und sich verändern können. Besser ist eine abwechslungsreiche Methodenauswahl, die mehrere Zugänge kombiniert.
Ein weiterer Stolperstein ist die Verwechslung von Lernstil und Lernzyklus. Der Lernzyklus beschreibt die vier Phasen Erfahrung, Reflexion, Begriffsbildung und Experimentieren. Die Lernstile entstehen erst aus der bevorzugten Verbindung dieser Phasen. Verwechsle außerdem Kolbs Modell nicht mit Lerntypen nach Sinneskanälen wie visuell, auditiv oder kinästhetisch. Kolb betrachtet die Verarbeitung einer Erfahrung, nicht den bevorzugten Wahrnehmungskanal.
Manche Prüflinge behandeln Kolbs Modell zudem wie eine gesetzliche Vorschrift. Das ist falsch. Kolb liefert ein didaktisches Hilfsmittel. Maßgeblich bleiben Lernziel, Ausbildungsordnung und Ausbildungsrahmenplan.
Falsch vs. richtig gemacht
Falsch gemacht: Du erklärst zehn Minuten lang die Messregeln an einer elektrischen Anlage, führst die Messung selbst durch und lässt den Auszubildenden anschließend eine ähnliche Aufgabe ohne Rückfragen erledigen. Er wählt einen falschen Messbereich, erhält ein unplausibles Ergebnis und versteht nicht, warum der Fehler entstanden ist.
Richtig gemacht: Du lässt den Auszubildenden zunächst eine sichere Messung selbst vorbereiten und beobachtest seine Vorgehensweise. Ihr wertet das Ergebnis gemeinsam aus, leitet die fachliche Regel ab und wiederholt die Messung an einer zweiten Anlage. So durchläuft er Erfahrung, Reflexion, Regel und erneute Anwendung in einem Durchgang.
So merkst du dir das
Du musst dir keine komplizierte Theorie merken. Ein einfacher Merksatz reicht, um in der Prüfung sofort zu erkennen, welche Phase gerade fehlt oder angesprochen wird.
- ELBA: Erleben, reflektieren, Begriffe bilden, Anwenden. Diese vier Buchstaben decken den gesamten Lernzyklus ab.
- Vier Fragen stellen: Was ist passiert? Was habe ich beobachtet? Was bedeutet das fachlich? Was probiere ich jetzt aus?
- Stil-Merksatz: Entdecker sehen viele Möglichkeiten, Denker ordnen, Entscheider lösen, Praktiker setzen um.
- Bild vom Fahrrad: Erfahrung ist der Start, Reflexion das Zurückblicken, Theorie die Karte, Experimentieren die nächste Fahrt.
Prüfungstipps
In der Prüfung erkennst du Kolb-Aufgaben an bestimmten Signalwörtern. Achte auf diese Muster, dann fällt dir die richtige Antwort deutlich leichter.
- Achte auf Begriffe wie Erfahrung, reflektieren, auswerten, Regel ableiten und übertragen. Sie weisen auf den Kolb-Lernzyklus hin.
- Streiche Antworten, die einen Auszubildenden dauerhaft als “Praktiker” oder “visuellen Lerntyp” festlegen. Diese Formulierung ist fast immer ein Ablenker.
- Unterscheide klar zwischen Lernzyklus, den vier Lernstilen und einer konkreten Unterweisungsmethode wie der Vier-Stufen-Methode.
- Ordne Fallbeispiele zu Methodenwahl zunächst HF 3 zu, prüfe aber, ob eigentlich Planung oder Lernerfolgskontrolle im Vordergrund steht.
- Formuliere in der praktischen Prüfung nicht nur Erklärungen. Lass den Auszubildenden handeln, stelle Reflexionsfragen und kontrolliere den Lernerfolg.
Handlungsempfehlungen für die Praxis
Kolbs Modell hilft dir nicht nur in der Prüfung, sondern auch im Ausbildungsalltag. Mit diesen Schritten baust du Lernschleifen auf, die wirklich funktionieren.
- Formuliere zuerst ein konkretes Lernziel, bevor du Methoden auswählst.
- Plane jede Ausbildungssituation als Schleife: durchführen lassen, beobachten, besprechen, fachlich einordnen, erneut anwenden.
- Wechsle bewusst zwischen praktischen Aufgaben, Fragen, Visualisierungen und Fachgesprächen.
- Beobachte das tatsächliche Lernverhalten, statt Auszubildende dauerhaft mit einem Lernstil zu etikettieren.
- Nutze offene Fragen wie “Was ist dir aufgefallen?” oder “Wie würdest du beim nächsten Mal vorgehen?”
Das nimmst du mit
- Kolbs vier Lernstile, Divergierer, Assimilierer, Konvergierer und Akkomodierer, beschreiben Vorlieben beim Verarbeiten von Erfahrungen, keine festen Typen.
- Verwechsle die Lernstile nicht mit dem Lernzyklus: Der Zyklus beschreibt die vier Phasen, die Stile entstehen aus deren bevorzugter Kombination.
- Präge dir ELBA ein: Erleben, reflektieren, Begriffe bilden, Anwenden. Damit erkennst du jede Kolb-Aufgabe sofort.
- Achte in der Prüfung auf Signalwörter wie “reflektieren” und “Regel ableiten” und streiche Antworten, die Auszubildende dauerhaft festlegen.
- Gestalte Ausbildung so, dass Erfahrung, Reflexion, Theorie und erneute Anwendung zusammenkommen. So fühlst du dich auch im Betrieb sicher, nicht nur in der Prüfung.
Weiterführende Links
- IHK Köln: Leitfaden AEVO - https://www.ihk.de/koeln/hauptnavigation/weiterbildung/fortbildungspruefungen/aevo-leitfaden-5236488
- IHK Magdeburg: Ausbilder-Eignungsprüfung (AEVO) - https://www.ihk.de/magdeburg/bildung/pruefungen/weiterbildungspruefungen/berufsspezifische-informationen-abschluesse-von-a-z/ausbildereignungspruefung-aevo-1725014
- BIBB: Professionalisierung - https://www.bibb.de/de/8614.php
- IHK Erfurt: Hinweise zum Prüfungsablauf - https://www.ihk.de/erfurt/bildung/pruefungen/fortbildungspruefungen/aevo-hinweise-zum-pruefungsablauf-6445740
- Die: Lernstile und Lerntypen - https://www.die-bonn.de/wb/2015-lernstile-01.pdf
- OpenLearn: The experiential model of learning - https://www.open.edu/openlearn/science-maths-technology/engineering-technology/learning-thinking-and-doing/content-section-3.3
- Simply Psychology: Kolb’s Learning Styles & Experiential Learning Cycle - https://www.simplypsychology.org/learning-kolb.html
- IHK Ostwestfalen: Handreichung AEVO - https://www.ostwestfalen.ihk.de/fileadmin/Dokumente/Berufliche_Bildung/Weiterbildung/Handreichung_AEVO__2024_.pdf
