Du sitzt in der mündlichen AEVO-Prüfung und der Prüfungsausschuss zeigt dir ein Fallbeispiel: Drei neue Auszubildende treffen zum ersten Mal aufeinander, wirken unsicher und schauen ständig zu dir als Ausbilder. Die Frage lautet: In welcher Phase der Teamentwicklung befindet sich diese Gruppe? Du zögerst, weil Forming, Storming und Norming in deinem Kopf verschwimmen. Genau dieser Moment der Unsicherheit kostet in der Prüfung wertvolle Punkte.
In der Prüfungspraxis zeigt sich immer wieder: Die Forming-Phase gehört zu den Themen, die klar abgrenzbar sind, sobald du die typischen Merkmale kennst. Egal ob du zum ersten Mal zur AEVO-Prüfung antrittst oder als erfahrener Praktiker endlich die Zertifizierung nachholst: Fragen zum Tuckman-Modell tauchen in Fallbeispielen und Multiple-Choice-Aufgaben immer wieder auf.
Viele denken, sie müssten alle fünf Phasen des Modells auswendig mit Fachbegriffen aufsagen können. Das stimmt nicht. Du musst erkennen, welches Verhalten zu welcher Phase passt und welche Ausbildermaßnahme dazu gehört.
In diesem Artikel erfährst du, was die Forming-Phase genau bedeutet und warum sie für das Handlungsfeld 3 der AEVO-Prüfung wichtig ist. Du bekommst konkrete Praxisbeispiele aus verschiedenen Ausbildungsberufen und lernst typische Verwechslungsfallen kennen. Außerdem zeige ich dir Merksätze und Prüfungstipps, mit denen du Forming-Fragen in der Prüfung sofort richtig einordnest.
Was ist die Forming-Phase?
Die Forming-Phase ist die erste Phase im Teamentwicklungsmodell nach Bruce Tuckman. Auf Deutsch sprichst du von der Orientierungsphase. Die Gruppenmitglieder lernen sich kennen, suchen ihren Platz und versuchen zu verstehen, welche Regeln und Ziele gelten.
Typisch für diese Phase sind höfliches, zurückhaltendes Verhalten und spürbare Unsicherheit. Die Gruppe orientiert sich stark an der Führungsperson, also an dir als Ausbilder. Stell dir vor: Du begrüßt drei neue Auszubildende in der Instandhaltung, stellst das Team vor und erklärst Sicherheitsregeln und Abläufe. Genau das ist gelebte Forming-Phase.
Die rechtliche Grundlage für deine Rolle als Ausbilder bilden § 28 und § 14 BBiG sowie die Ausbilder-Eignungsverordnung (AEVO). Sie verlangen, dass du berufliche Handlungsfähigkeit vermittelst, zu der auch soziale Kompetenzen gehören. Die Forming-Phase ist zwar kein eigener gesetzlicher Ausbildungsinhalt, aber ein wichtiges Werkzeug, um diese Kompetenzen gezielt zu fördern.
Warum ist das prüfungsrelevant?
Die Forming-Phase taucht vor allem in Handlungsfeld 3: Ausbildung durchführen auf. Dort geht es um Lernprozesse, Methodenwahl und die Förderung sozialer Kompetenzen. Sie kann aber auch in HF 1 und HF 2 erscheinen, etwa wenn du die sozialen Voraussetzungen von Auszubildenden einschätzt oder die Einführung neuer Azubis planst.
In der schriftlichen Prüfung begegnet dir das Thema meist als Multiple-Choice-Frage zum Phasenmodell oder als Fallbeispiel mit einer unsicheren, zurückhaltenden Gruppe. Seit 2022 umfasst der schriftliche AEVO-Teil 80 Aufgaben bei 180 Minuten Bearbeitungszeit, wobei alle vier Handlungsfelder gleich gewichtet werden. In der praktischen Prüfung kann der Prüfungsausschuss bewerten, wie du Lernklima und Teamfähigkeit bei einer Unterweisung förderst.
Eine genaue Statistik, wie oft explizit nach der Forming-Phase gefragt wird, veröffentlicht die IHK nicht. Deshalb solltest du nicht nur Begriffe pauken, sondern typische Merkmale und passende Ausbildermaßnahmen sicher erkennen können.
Beispiele aus der Ausbildungspraxis
Gewerblich-technische Berufe
Stell dir vor: Du bist Ausbilder bei einem Kfz-Mechatroniker-Betrieb und betreust zwei Auszubildende, die erstmals gemeinsam eine Fehlerdiagnose durchführen. Du erklärst den Diagnoseablauf, legst fest, wer misst und wer dokumentiert. Nach der Aufgabe besprichst du mit beiden, wie die Zusammenarbeit funktioniert hat. Genau diese enge Begleitung gehört in die Forming-Phase.
Ein weiteres Beispiel aus dem Handwerk: Du arbeitest als Ausbilder in einer Tischlerei und bildest eine neue Gruppe an der Hobelmaschine ein. Du erklärst Sicherheitsregeln, zeigst den Arbeitsbereich und lässt die Auszubildenden zunächst unter enger Begleitung Aufgaben verteilen.
Kaufmännische Berufe
Du bist Ausbilder in einem Industriebetrieb und führst zwei neue Industriekaufleute in den Einkauf ein. Du zeigst ihnen das Team, erklärst den Ablauf einer Bestellung und gibst ihnen eine überschaubare gemeinsame Aufgabe. So gewinnen sie Sicherheit und lernen sich gleichzeitig kennen.
Auch im Hotelgewerbe läuft es ähnlich ab: Du führst neue Auszubildende im Serviceteam eines Hotels ein, stellst Kolleginnen und Kollegen vor und lässt die Gruppe eine kurze Gästebegrüßung gemeinsam vorbereiten. Alle vier Beispiele zeigen dasselbe Muster: Du gibst Struktur, bevor du Verantwortung überträgst.
Typische Fehler und Verwechslungen
Der häufigste Fehler in der Prüfung: Forming wird mit Storming verwechselt. Das passiert, weil beide Phasen am Anfang einer Gruppenentwicklung liegen. In Forming herrschen jedoch Höflichkeit und Unsicherheit, im Storming treten dagegen Konflikte und Konkurrenz auf. Merke dir: Forming fragt „Wie läuft es hier?“, Storming fragt „Wer setzt sich durch?“.
Ein zweiter Fehler in der Ausbildungspraxis: Der Ausbilder lässt eine neue Gruppe sofort selbstständig arbeiten. In der Orientierungsphase fehlen oft noch klare Rollen und gemeinsame Regeln. Die richtige Reaktion ist eine enge, aber schrittweise abnehmende Begleitung.
Auch wird Zurückhaltung manchmal fälschlich als Desinteresse gedeutet. Neue Auszubildende sprechen häufig wenig, weil sie unsicher sind, nicht weil sie unmotiviert sind. Verwechsle die Forming-Phase außerdem nicht mit einem einzelnen Kennenlernspiel: Das Spiel ist eine Methode, Forming beschreibt die gesamte Entwicklungsphase der Gruppe.
Falsch vs. richtig gemacht
Falsch gemacht: Du setzt drei neue Auszubildende ohne Einführung an eine gemeinsame Aufgabe. Niemand weiß, wer dokumentiert oder an wen Fragen zu richten sind. Die Gruppe arbeitet vorsichtig, macht vermeidbare Fehler und wartet ständig auf deine Anweisungen.
Richtig gemacht: Du begrüßt die Auszubildenden, erklärst das Lernziel, stellst die Teammitglieder vor und verteilst zunächst einfache Rollen. Nach der Aufgabe besprichst du, was gut funktioniert hat und welche Verantwortung die Gruppe beim nächsten Mal selbst übernehmen kann. So fühlt sich die Gruppe sicher und du erkennst in der Prüfung sofort, warum diese Maßnahme zur Forming-Phase passt.
So merkst du dir das
Mit ein paar einfachen Eselsbrücken behältst du die Forming-Phase sicher im Kopf, auch unter Prüfungsstress.
- „Forming formt die Gruppe“: Die Mitglieder lernen sich kennen und finden ihren Platz.
- Drei O: Orientieren, Ordnen, Öffnen. Die Gruppe orientiert sich, ordnet Rollen und beginnt sich zu öffnen.
- Merksatz: „Am Anfang braucht die Gruppe Richtung.“
- Bildhafte Vorstellung: Ein neues Team bekommt Stadtplan, Wegbeschreibung und Namensschilder. Genau diese Orientierung gibst du als Ausbilder.
- Phasenkette: Forming, Storming, Norming, Performing, Adjourning: Freundlich starten, Streiten, Normen finden, Produktiv arbeiten, Abschied nehmen.
Prüfungstipps
Mit den folgenden Tipps erkennst du Forming-Fragen in der Prüfung schnell und sicher, ohne wertvolle Zeit zu verlieren.
- Achte auf Signalwörter wie neu zusammengesetzt, kennenlernen, unsicher, zurückhaltend und starke Abhängigkeit vom Ausbilder.
- Steht im Fallbeispiel „erste Zusammenarbeit“, ist Forming wahrscheinlicher als Norming oder Performing.
- Streiche Antworten wie „sofort vollständig delegieren“ direkt. Sie passen fast nie zur Forming-Phase.
- Wird ein Konflikt oder Machtkampf beschrieben, prüfe zuerst, ob Storming gemeint ist.
- Ordne Fragen zur konkreten Durchführung von Gruppenarbeit überwiegend HF 3 zu, das spart dir Zeit bei der Einordnung.
Handlungsempfehlungen für die Praxis
Diese Strategien helfen dir nicht nur in der Prüfung, sondern auch im echten Ausbildungsalltag mit neuen Teams.
- Begrüße neue Auszubildende persönlich und stelle sie dem Team sowie wichtigen Ansprechpartnern vor.
- Erkläre zu Beginn Lernziel, Ablauf, Zuständigkeiten und Sicherheitsregeln klar und verständlich.
- Setze zunächst überschaubare Gruppenaufgaben ein und verteile eindeutige Rollen.
- Beobachte, ob Unsicherheit oder erste Konflikte auftreten, und passe deine Führung entsprechend an.
- Reduziere deine Unterstützung schrittweise, sobald die Gruppe Regeln akzeptiert und sicherer arbeitet.
Das nimmst du mit
- Die Forming-Phase ist die erste Phase der Teamentwicklung nach Tuckman und wird auf Deutsch Orientierungsphase genannt.
- Verwechsle sie nicht mit Storming: Forming bedeutet Unsicherheit und Höflichkeit, Storming bedeutet Konflikt und Konkurrenz.
- Als Ausbilder gibst du in dieser Phase klare Ziele, Regeln und Rollen vor, statt die Gruppe sofort selbstständig arbeiten zu lassen.
- Präge dir die drei O ein: Orientieren, Ordnen, Öffnen. Damit erkennst du jede Forming-Frage in der Prüfung sofort.
- Achte in der Prüfung gezielt auf Signalwörter wie „neu zusammengesetzt“ und „unsicher“, um Forming schnell von anderen Phasen zu unterscheiden.
Weiterführende Links
- AEVO Akademie: „Teamentwicklung nach Tuckman verstehen – Ein Leitfaden für Ausbilder“ - https://www.aevoakademie.de/magazin/teamentwicklung-nach-tuckman-ein-leitfaden-fuer-ausbilder/
- AEVO Prüfungsfragen: „Forming-Phase AEVO: 3 Merksätze sicher in der Prüfung“ - https://aevo-pruefungsfragen.de/blog/forming-die-orientierungsphase/
- AEVO Prüfungsfragen: „Phasenmodell von Tuckman: 5 Phasen, 3 Merksätze für die Prüfung“ - https://aevo-pruefungsfragen.de/blog/das-phasenmodell-von-tuckman/
- Bühnenwerk: „AEVO / Handlungsfeld 1 VO 2009 / RLP 2024“ - https://www.buehnenwerk.de/files_neu/aevo/2025/20250203%20AEVO_Handlungsfeld_1.pdf
- Bühnenwerk: „AEVO / Handlungsfeld 3 VO 2009 / RLP 2024“ - https://www.buehnenwerk.de/files_neu/aevo/2025/20250207%20AEVO_Handlungsfeld_3.pdf
- IHK München: „Rechtsgrundlagen für die Ausbildung“ - https://www.ihk-muenchen.de/ausbildung-fortbildung/ausbilden/ausbildungsverhaeltnis/rechtsgrundlagen/
- Bundesinstitut für Berufsbildung: „Professionalisierung“ - https://www.bibb.de/de/8614.php
- Deutscher Bildungsserver: „Aufgaben und Qualifizierung des Ausbildungspersonals“ - https://www.bildungsserver.de/berufliche-bildung/ausbilderinnen-und-ausbilder-991-de.html
- IHK: „DIHK-Rahmenplan zur Ausbildereignungsverordnung AEVO“ - https://www.ihk.de/nuernberg/fileadmin/IHK_Nuernberg/Weiterbildungspruefungen/AdA/synopse-ada-rahmenplan-2023.pdf
- AEVO.education: „Aktuelles – Änderungen im schriftlichen Teil der Ausbildereignungsprüfung“ - https://aevo.education/Aktuelles/
- IHK Berlin: „AEVO – Ausbildereignungsprüfung“ - https://www.ihk.de/berlin/fachkraefte/aevo-ausbildereignungspruefung-index-2263098
- IHK: „Rahmenplan AEVO“ - https://www.ihk.de/blueprint/servlet/resource/blob/3603138/3d3b95b9fd6c9e9877273e5e77321fb2/rahmenplan-aevo-data.pdf